Wie sieht die Zukunft Europas in Zeiten interner Spannungen und externer Krisen aus? Vom 17. bis 19. Juni 2026 kommen Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen zusammen. Unter dem gemeinsamen Dach der Fachvereinigungen aus Deutschland (DVPW), Österreich (ÖGPW) und der Schweiz (SVPW/ASSP) widmet sich die diesjährige Dreiländertagung dem hochaktuellen Thema „Europas Zukunft – Zukunft Europas: Interne Spannungen und externe Herausforderungen“.
Mitten im wissenschaftlichen Diskurs: Lena Gigerl, Setaiesh Ghafari, Stacy Ogembo und Nadine Benedix vom DFG-Graduiertenkolleg „Standards of Governance“ sowie Postdoc Dr. Julia Drubel, Prof. Dr. Nathalie Behnke und Kollegsprecher Prof. Dr. Jens Steffek. Sie präsentieren auf der Tagung eigene Forschungsbeiträge und liefern wichtige Impulse zu der Frage, wie die Europäische Union und internationale Organisationen als Standardsetzer agieren, insbesondere in den Bereichen Nachhaltigkeit, Governance und Menschenrechte.
Unsere Forschungsbeiträge im Fokus
EU-Gesetzgebung zwischen Dringlichkeit und Beteiligung
Lena Gigerl greift in ihrem Beitrag aktuelle Entwicklungen bezüglich der partizipativen Beteiligung in der EU auf. Am Beispiel des sogenannten ‚Omnibus I‘ Pakets, welches unter anderem Sorgfaltspflichten für Unternehmen in der europäischen Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) vereinfacht bzw. abschwächt, diskutiert sie das Verhältnis zwischen etablierten Partizipationsmechanismen und vermeintlich dringlichen Legislativvorschlägen.
„Die Ausarbeitung des Kommissionsvorschlags zum ‚Omnibus I‘ Paket zeigt exemplarisch, dass zivilgesellschaftliche Beteiligung zunehmend als störend wahrgenommen wird, wenn Menschenrechts- und Umweltstandards zur Disposition gestellt werden. Die Dreiländertagung bietet die ideale Plattform, um diese Entwicklungen zu diskutieren.“ – Lena Gigerl
EU-Strukturfonds und Mainstreaming
Setaiesh Ghafari & Prof. Dr. Nathalie Behnke analysieren mit ihrem Beitrag „Carrots and Sticks: Mainstreaming through European Structural and Investment Funds as an Innovative Governance Tool“ die Rolle des Mainstreamings in der europäischen Kohäsionspolitik. Sie argumentieren, dass die Verknüpfung von EU-Strukturfonds mit Querschnittszielen wie Geschlechtergleichstellung, Nichtdiskriminierung und Nachhaltigkeit eine innovative Form europäischer Governance darstellt, die finanzielle Anreize und prozedurale Anforderungen miteinander verbindet.
„Unser Beitrag wirft die Frage auf, ob die Europäische Union heute weniger durch die Harmonisierung von Politiken als durch die Standardisierung von Verfahren regiert. Auf die Diskussion dieser These und ihrer Implikationen für das Verständnis europäischer Integration freuen wir uns besonders.“ – Setaiesh Ghafari
UN-Standards und Frauenrechte
Stacy Ogembo richtet den Blick auf die globale Menschenrechts-Governance. In ihrem Paper „Making Standards Work? The CEDAW Committee and the Domestic Implementation of Women’s Rights“ untersucht sie mittels Qualitativer Inhaltsanalyse (QCA), wie die Überwachungspraxis des UN-Ausschusses zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW) nationale Politiken gegen geschlechtsspezifische Gewalt verändert. Dafür führt sie eine vergleichende Fallstudie zweier afrikanischer Staaten durch.
„Meine Forschung zeigt, dass die Umsetzung von UN-Empfehlungen schrittweise und selektiv erfolgt – weniger anspruchsvolle Empfehlungen werden dabei eher umgesetzt als solche, die nachhaltige Ressourcen erfordern. Von der Tagung erhoffe ich mir, meinen Blick für die globalen Verflechtungen von Governance-Standards zu schärfen und vergleichbare Befunde aus anderen Forschungsbereichen kennenzulernen.“ – Stacy Ogembo
Kinderarbeit und globale Normen
Nadine Benedix untersucht in ihrem Beitrag „Implementing Child Labor Standards: Fields of Contestation and Unruly Beneficiaries“, warum die weltweite Beseitigung von Kinderarbeit trotz nahezu universeller Ratifizierung der einschlägigen ILO-Konventionen bislang nicht gelungen ist. Anhand der Fälle Peru und Senegal zeigt sie, wie global formulierte Standards zu Kinderrechten in lokalen Kontexten neu interpretiert und ausgehandelt werden – und wie Bewegungen arbeitender Kinder dabei selbst zu zentralen Akteuren der Normumsetzung werden.
„Mein Beitrag zeigt: Globale Standards zur Kinderarbeit treffen vor Ort auf eigene Logiken – und die Betroffenen sind dabei keineswegs nur passive Empfänger, sondern eigenständige Akteure. Ich freue mich darauf, diese Perspektive mit den anderen Beiträgen des Panels zu diskutieren.“ – Nadine Benedix
Auch Dr. Julia Drubel (PostDoc) und Prof. Dr. Jens Steffek stellen auf der Tagung eigene Beiträge mit Kollegbezug vor: Julia Drubel untersucht das Zusammenspiel von Evidenzbasierung und Beteiligungsverfahren am Beispiel des EU-Standards für nachhaltige Waldwirtschaft, während Jens Steffek die historische Entwicklung von Governance-Benchmarking-Praktiken von der kolonialen „Standard of Civilization“ bis zu heutigen Indizes der Weltbank nachzeichnet.
Alle Beiträge knüpfen unmittelbar an das Leitthema der Dreiländertagung an und zeigen, wie Standardsetzung in Europa und darüber hinaus auf interne Spannungen und globale Herausforderungen reagiert. Damit machen sie zugleich die thematische Breite und Aktualität der Forschung im Graduiertenkolleg sichtbar.
„Die rege Teilnahme unserer Kollegiatinnen und Kollegiaten an der Dreiländertagung unterstreicht die hohe Relevanz und Sichtbarkeit der Forschung in unserem Graduiertenkolleg. Die Forschungsbeiträge zeigen eindrucksvoll, dass ‚Standards of Governance‘ als Schlüsselperspektive auf zentrale Fragen der Zukunft Europas und der globalen Ordnung wissenschaftlich diskutiert werden sollte.“ – Prof. Dr. Jens Steffek, Sprecher des Graduiertenkolleg
Über die Tagung
Die Dreiländertagung findet alle drei Jahre statt und ist ein wichtiges Forum für den wissenschaftlichen Austausch innerhalb der politikwissenschaftlichen Community im deutschsprachigen Raum.
Weitere Informationen: https://www.dvpw.de/veranstaltungen/3-laender-tagungen/dreilaendertagung-2026#c8230
