Ein Interview mit der Kollegiatin Elena Dressler

Gianni: Guten Tag, Elena. Du bist seit April 2025 Teil des Graduiertenkollegs (GRK). Was war deine Motivation dich für das GRK „Standards des Regierens“ zu bewerben?

Elena: Ich habe im Laufe meines Studiums und den Jobs, die ich währenddessen am Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) und an verschiedenen Unis hatte, gemerkt, dass ich großen Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten habe. Das hat sich auch nochmal deutlich während des Schreibens der Masterarbeit gezeigt und im Laufe dessen bin ich das Gefühl nicht mehr losgeworden, dass ich mit dieser Art von Arbeit eigentlich noch nicht fertig sein will. Ja, und die Motivation eine Promotion zu beginnen entstand dann genau hieraus. Die Aussicht, mich nochmal über einen längeren Zeitraum vertieft mit Themen zu beschäftigen, die mich interessieren und die ich mir im weitesten Sinne selbst aussuchen kann, gefiel mir sehr gut. Neben dieser persönlichen Motivation hat mir vor allem gefallen, dass die strukturierte Promotion gleichzeitig Freiheit und ein Netzwerk bietet. Auch die gleichzeitige Angliederung an einen Lehrstuhl fand ich interessant, weil ich mir davon sowohl eine Peer-Group als auch vielleicht die ein oder andere thematische Überschneidung erhofft habe.

„Standards sind keine verbindlichen Vorschriften, haben meist keine direkten Sanktionsmechanismen und gelten oft als freiwillig.“

Gianni: Wie verstehst du den Begriff ‚Standards des Regierens‘ aus der Perspektive deiner eigenen Forschung?

Elena: In meiner eigenen Forschung stütze ich mich stark auf die grundlegende Konzeptualisierung von Standards durch Brunsson et al. (2000) und betrachte sie daher als Instrumente der Kontrolle und Regulierung, ähnlich wie Hierarchien. Standards sind keine verbindlichen Vorschriften, haben meist keine direkten Sanktionsmechanismen und gelten oft als freiwillig. Dennoch gelingt es ihnen (meist), Menschen oder Organisationen – einschließlich Staaten – dazu zu bewegen, die von ihnen implizierten „Regeln“ einzuhalten und somit Verhalten zu steuern. Standards können zudem die Koordination und Zusammenarbeit erleichtern und auf globaler Ebene für Ähnlichkeit oder Homogenität sorgen. Aus einer kritischen Perspektive sollte jedoch angemerkt werden, dass Standards des Regierens oft undemokratisch (oder nicht ausreichend demokratisch) sind und somit auch zu für die Mehrheit – oder Minderheiten – unerwünschten Regeln führen. Letztendlich – und kurz gesagt – betrachte ich Standards also als eine Form von Herrschaft im weiteren Sinne. Da mich in meiner Forschung auch die Verbreitung von Standards des Regierens interessiert, ist für mich außerdem der Prozess – also die Standardisierung – von Interesse. Mit dem obigen Verständnis im Hinterkopf kann jeder Versuch der Harmonisierung als ein Prozess der Standardisierung verstanden werden. Hierbei ist bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit sich Standards manchmal, vor allem im Vergleich zu anderen Regeln, über diverse Kontexte hinweg verbreiten, auch wenn dieser Prozess selten geradlinig ist, und eher einem „Tauziehen“ oder „hin und her“ gleichen kann.

Elena Dressler
Elena Dressler ist seit April 2025 Kollegiatin im DFG-Graduiertenkolleg „Standards des Regierens“. Zuvor absolvierte sie ihren B.A. Politikwissenschaft/Rechtswissenschaften um im Anschluss den M.A. Internationale Studien/Friedens- und Konfliktforschung.

„Dabei stellt sich für mich auch die Frage, ob man in diesen repressiven Bekämpfungsansätzen einen (neuen) „Standard des Regierens“ erkennen kann und wie legitim solche Bekämpfungsstrategien mit Blick auf demokratische Grundprinzipien sein können.“

Gianni: Womit beschäftigst du dich in deiner Promotion und wie knüpft dein Thema an den Forschungsrahmen des GRK an?

Elena: Meine initiale Idee hat sich im letzten Jahr doch deutlich konkretisiert, allerdings scheint dieser Prozess des ständigen Weiterentwickelns nicht abzureißen – deshalb wäre ich gespannt, wie ich die Frage beantworten würde, wenn Du mich in einem halben Jahr nochmal fragst :). Bisher beschäftige ich mich vor allem mit transnationaler organisierter Kriminalität und kleineren delinquenten Gruppen in Lateinamerika. Dabei interessieren mich aktuell besonders, die repressiven Ansätze staatlicher Bekämpfung (mano dura), wie sich diese über die Region hinweg verbreiten, und welche Auswirkungen diese Bekämpfungsstrategien schlussendlich auf die Bevölkerung haben. Dabei stellt sich für mich auch die Frage, ob man in diesen repressiven Bekämpfungsansätzen einen (neuen) „Standard des Regierens“ erkennen kann und wie legitim solche Bekämpfungsstrategien mit Blick auf demokratische Grundprinzipien sein können.

Gianni: Das GRK bringt Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und Rechtswissenschaften von zwei Universitäten zusammen – inwieweit kommt dir und deiner Forschung dieses interdisziplinäre Umfeld zugute?

Elena: Mir kommt diese Interdisziplinarität sehr zugute, da in meiner Forschung immer wieder rechtswissenschaftliche und/oder soziologische Themen in den Vordergrund rücken und es dann einfach großartig ist, wenn ich mich dazu mit meinen Kolleg:innen kurz austauschen kann. Außerdem führt es dazu, dass man in ein breites Portfolio an Forschungsinteressen Einblick hat. Mit dem meisten würde ich wahrscheinlich sonst gar nicht in Kontakt kommen. Auch inhaltliche Überschneidungen lassen sich durch die Vielzahl an anderen Doktorand:innen und Projektthemen leicht finden, sodass wir bereits zu Beginn der Promotionszeit verschiedene thematische Arbeitsgruppen gebildet haben – und unsere Arbeitsgruppe sich weiterhin zum Austausch trifft.

„Wenn man das GRK und die Themen der anderen Kollegiat:innen ernst nimmt, muss man schon einige Zeit aufwenden, um sich in andere Projekte einzudenken.“

Elena: Wie eben schon beschrieben hat es für meine Arbeit einige Vorteile Teil des GRK zu sein. Aber natürlich ist das breite Themenspektrum, das im GRK vorhanden ist, nicht nur Segen, sondern auch Herausforderung. Vor allem wenn man sich für das gemeinsame Kolloquium in Themen einließt, von denen man bisher wenig Ahnung hat. Hier sehe ich auch einen Aspekt, der der eigenen Promotion teilweise weniger zuträglich ist: Wenn man das GRK und die Themen der anderen Kollegiat:innen ernst nimmt, muss man schon einige Zeit aufwenden, um sich in andere Projekte einzudenken. Diese Zeit kann man nicht in sein eigenes Projekt stecken oder in Aufgaben investieren, die sonst noch anfallen oder die man sich ausgesucht hat. Das macht nach meinem Erachten allerdings nur dann Sinn, wenn das alle Kollegiat:innen – aber auch Postdocs und Professor:innen – gleichermaßen machen, sodass die Doktorand:innen einen ähnlichen Input leisten und Output bekommen.

Gianni: Im Rahmen deiner Promotion sind auch (auswärtige) Forschungsaufenthalte möglich – hast du da schon was in Planung?

Elena: Der vorgesehene Auslandsaufenthalt hat mich bereits bei der Bewerbung gereizt, ist aber – wenn man ehrlich ist – mittlerweile in sehr vielen Promotionskontexten gängig. Für mein Forschungsprojekt ist es essenziell, dass ich auch im Ausland dazu forschen kann, weshalb für mich von Anfang an feststand, dass ich diese Möglichkeit wahrnehmen werde. Einen kürzeren Forschungsaufenthalt habe ich bereits zu Beginn des Jahres in Ecuador wahrnehmen können. Allerdings plane ich im Laufe der Zeit noch einen längeren Forschungsaufenthalt in Lateinamerika – aber da bin ich aktuell noch nicht entschieden, wann und wo genau. Generell finde ich die Planung und Abwicklung der Forschungsaufenthalte im Rahmen des Kollegs sehr angenehm und bin froh, dass das bisher so reibungslos funktioniert.

Gianni: Wie werden deine nächsten Monate rund um deine Forschungsarbeit aussehen?

Elena: Aktuell arbeite ich viel an der Verschriftlichung und Auswertung der Daten, die wir in Ecuador erhoben haben. Außerdem mache ich gerade einiges an konzeptioneller Arbeit, die für meine weitere Forschung grundlegend ist, und die ich im Herbst auf einer Konferenz vorstellen möchte. Generell freue ich mich einfach total auf die nächsten Monate (und Jahre), weil ich das Gefühl habe, es liegt eine aufregende Zeit vor mir – und vor uns allen. Auch der Abschluss vieler Kollegiat:innen aus der ersten Kohorte wird für uns, aus der zweiten Kohorte, sicherlich spannend.

Gianni: Vielen Dank für deine spannenden Antworten und weiter viel Erfolg bei deinem Vorhaben.

Gianni Fraas ist Studentische Hilfskraft am DFG-Graduiertenkolleg „Standards des Regierens“ seit Dezember 2025.