Ein Interview mit der Kollegiatin Svea Knebel

„Besonders wichtig war mir die interdisziplinäre Ausrichtung“

Gianni: Guten Tag, Svea. Du bist seit April 2025 Teil des Graduiertenkollegs (GRK). Was war deine Motivation dich für das GRK „Standards des Regierens“ zu bewerben?

Svea: Als ich mich vor etwa eineinhalb Jahren für das GRK beworben habe, waren mehrere Gründe ausschlaggebend. Besonders wichtig war mir die interdisziplinäre Ausrichtung – das interdisziplinäre Arbeiten und der Austausch waren für mich schon während des Studiums immer eine große Bereicherung. Deshalb war es mir auch für die Promotionszeit ein zentrales Anliegen, in so einem Umfeld zu forschen. Darüber hinaus reizte mich die Perspektive, Teil eines Netzwerks aus vielen verschiedenen Promovierenden und Professor:innen zu sein. Und nicht zuletzt war die finanzierte Stelle im GRK ein entscheidender Punkt: Ein Kolleg, das Raum für das eigene Projekt lässt, passte zu meinen Vorstellungen vom Promovieren.

„Regeln, die von Expert:innen entwickelt werden und sich gerade durch ihre Freiwilligkeit auszeichnen“

Svea Knebel ist seit April 2025 Kollegiatin im DFG-Graduiertenkolleg „Standards des Regierens“. Zuvor legte sie ihr erstes juristisches Staatsexamen ab, parallel dazu erlangte sie einen Bachelor in Politikwissenschaft und Philosophie and der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Gianni: Wie verstehst du den Begriff „Standards des Regierens“ aus der Perspektive deiner eigenen Forschung?

Svea: Für mich sind „Standards des Regierens“ Regeln, die von Expert:innen entwickelt werden und sich gerade durch ihre Freiwilligkeit auszeichnen. Sie dienen dazu, transnationale Probleme zu lösen – und zwar außerhalb klassischer Regierungsmechanismen wie Gesetzen – und so Verhalten zu steuern. Aus dieser Perspektive lassen sie sich als Governance-Mechanismen fassen. In meiner Forschung sind sie eng mit dem Konzept des Soft Law verknüpft: Also Regelungen, die zwar keine rechtliche Verbindlichkeit entfalten, aber dennoch eine stärkere Bindungskraft haben als bloße politische Absichtserklärungen. Mein Argument ist, dass Gerichte als Arenen verstanden werden können, in denen solche Standards auf zweierlei Weise eine Rolle spielen: Zum einen können sie in rechtliche Argumentationen einfließen, zum anderen können Gerichte selbst über die Zeit Standards setzen, die dann – zurück in die gesellschaftliche oder politische Sphäre getragen – als eine Form von „Standards des Regierens“ wirksam werden.

„Beitrag zur Rechtskritik“

Gianni: Womit beschäftigst du dich in deiner Promotion und wie knüpft dein Thema an den Forschungsrahmen des GRK an?

Svea: In meiner Arbeit setze ich mich mit der Verknüpfung von Gender und Migration im europäischen Menschenrechtssystem auseinander. Konkret interessiert mich, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in migrationsbezogenen Fällen Gender thematisiert und inwiefern diese Thematisierung vor dem Hintergrund hegemonialer Strukturen zu verstehen ist. Meine Dissertation ist also eine Auseinandersetzung mit der intersektionalen Marginalisierung von Migrant:innen in Bezug auf Gender und die Frage, welche Rolle Recht und Rechtsprechung dabei spielen. Mein Projekt verstehe ich damit als Beitrag zur Rechtskritik. In den Forschungsrahmen des GRK passt es aus mehreren Gründen: Erstens gehe ich davon aus, dass sich aus der EGMR-Rechtsprechung über die Zeit (Minimum-)Standards ableiten lassen, die gesellschaftlich wirksam werden und damit als Governance-Instrument fungieren. Mich interessiert dabei besonders, inwiefern solche Standards als Ressource für Rechtskämpfe dienen können, die auf Veränderung innerhalb hegemonialer Strukturen abzielen. In Hinblick auf die verschiedenen inhaltlichen Forschungsschwerpunkte, die das GRK setzt, lässt sich mein Projekt in den Bereich der Grundrechte einordnen.

„Auch wenn ich primär mit Gerichtsurteilen arbeite […], greife ich auf politikwissenschaftliche und (rechts-)soziologische Konzepte, Theorien und Methoden zurück.“

Gianni: Das GRK bringt Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und Rechtswissenschaften von zwei Universitäten zusammen – inwieweit kommt dir und deiner Forschung dieses interdisziplinäre Umfeld zugute?

Svea: Mein eigenes Projekt bewegt sich selbst disziplinär an mehreren Schnittstellen: Auch wenn ich primär mit Gerichtsurteilen arbeite – einem klassisch rechtswissenschaftlichen Gegenstand –, greife ich auf politikwissenschaftliche und (rechts-)soziologische Konzepte, Theorien und Methoden zurück. Gerade die Politische Theorie ist für meinen theoretischen Rahmen fruchtbar. Dass das GRK hier Expertise bündelt, kommt meinem Vorhaben auf jeden Fall zugute – allein der direkte Austausch mit Personen aus diesen Disziplinen im Arbeitsalltag ist für mich eine große Bereicherung. Darüber hinaus ermöglicht mir das Umfeld, ständig Neues zu lernen: sei es inhaltlich, sei es mit Blick auf disziplinäre Selbstverständnisse oder methodische Herangehensweisen. Diese Auseinandersetzung bringt mich immer wieder dazu, meine eigenen disziplinären Grenzen zu reflektieren, was wiederum einer kritischen Perspektive zuträglich ist.

„Der größte Vorteil ist für mich das Netzwerk.“

Gianni: Siehst du durch das GRK weitere Vorteile für deine Promotion? Oder gibt es Aspekte, die deiner Arbeit vielleicht auch weniger zuträglich sind?

Svea: Der größte Vorteil ist für mich das Netzwerk. Das ermöglicht mir zum einen auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen zu können, sei es von anderen Promovierenden, die in ihrem Prozess schon weiter oder in ähnlichen Situationen sind, oder von den PIs. Und wie schon bei der Motivation erwähnt: die finanzierte Stelle, die im Gegensatz zu Lehrstuhlstellen viel Zeit für die eigene Forschung lässt, ist gerade in Zeiten von Sparzwängen, durchaus ein Privileg. Natürlich bringt ein so interdisziplinäres Umfeld auch Herausforderungen mit sich: Es erfordert viel Auseinandersetzung mit unterschiedlichen disziplinären Logiken und ein hohes Maß an Kommunikation. Letztlich bedeutet das auch zusätzlichen Aufwand.

Gianni: Im Rahmen deiner Promotion sind auch (auswärtige) Forschungsaufenthalte möglich – hast du da schon was in Planung?

Svea: Konkrete Pläne habe ich noch nicht, aber es gibt mehrere Orte, die für mich interessant wären. Die Möglichkeit möchte ich auf jeden Fall nutzen – wohin es dann genau geht, wird sich in nächster Zeit zeigen.

„Aktuell […] arbeite ich zusammen mit meiner Kollegin Tabea Heppner an einem Working Paper“

Gianni: Wie werden deine nächsten Monate rund um deine Forschungsarbeit aussehen?

Svea: Aktuell und in den nächsten Monaten wird mein Arbeitsschwerpunkt maßgeblich auf zwei Dingen liegen: Zum einen arbeite ich zusammen mit meiner Kollegin Tabea Heppner an einem Working Paper, in dem wir uns gemeinsam Gedanken zu einer Konzeptualisierung von Minimum-Standards im Kontext struktureller Ungerechtigkeit machen. Zum anderen beschäftige ich mich gerade mit methodologischen Fragen, die ich in einem anstehenden Workshop vertiefen werde, sodass ich hoffentlich die Operationalisierung meines Vorhabens in den nächsten Monaten schärfen kann.

Gianni: Vielen Dank für deine spannenden Antworten und weiter viel Erfolg bei deinem Vorhaben.